Es war ein sonniger Tag. Eigentlich ein perfekter Tag, so dachte sie, als sie vor dem Spiegel stand und sich ansah. Das haselnuss-braune Haar war hochgesteckt und mit einem weißen Blumenkranz verziert. Ein Schleier fiel über ihr Gesicht und ihre Schultern. Heute war endlich der Tag, der Tage. Sie streckte ihre Hände aus und strich das schneeweiße Kleid glatt.
"Mirelle, kommst du? Du wirst erwartet" kam von draußen eine Männerstimme und Mirelle drehte sich langsam um und ging auf die Türe zu, während sie antwortete "Ich bin gleich da".

Sie legte ihre Schultern zurück und atmete tief durch, drehte sich zur Hälfte um und sah noch ein letztes Mal in den Spiegel und betrachtete sich. Sie nickte und wand sich zur Tür, griff an die Klinke und… Sie drückte sie nicht herunter. Nein. Sie drehte sich um und lief zum Fenster, öffnete es und starrte nach draußen. Ihre Hand hob sich langsam und sie zog den Kranz aus ihrem Haar, wobei es den Halt verlor und seidig über ihre nackten Schultern glitt und ließ ihn zu Boden fallen. Sie kletterte auf den Fenstersims und lehnte ein Bein aus dem Fenster, stellte ihren Fuß auf das Rosengatter und stieg langsam in die Tiefe.
Unten angekommen rannte sie über die Wiese, den Rock des Kleides angehoben um nicht zu stolpern.
Man schien sie gesehen zu haben, denn ein Stöhnen und Aufrufen ging durch die Menge, die sich auf das kostenlose Essen schon gefreut hatte, denn dieses gab es bei allen Hochzeiten. Ihre Schwester rief ihr nach, rannte gar hinter ihr her, doch der Abstand zwischen ihr und Mirelle war zu groß, als dass sie jene hätte einholen können.
Auf dem großen Parkplatz, weit ab von der Kirche, blieb sie stehen und starrte den Mann, der an ihrem Auto stand mit großen Augen an. Was tat er hier? Sie ging langsam auf ihn zu und er lächelte sie nur charmant, wie immer, an. "Ich wusste, dass du hier her kommst. Ich kenne dich" entgegnete er. "Dann lass uns gehen" meinte sie mit einem breiten Grinsen und stieg, durch die ihr offen gehaltene Türe, in den Wagen.
Ihr zukünftiger Ehemann setzte sich ans Steuer, ließ den Motor anspringen und blickte sie mit einem sanften Lächeln an "Dorthin, wo wir uns kennen lernten?" frug er sanft und streckte eine Hand aus, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. "Sehr gern" antwortete sie ihm knapp und blickte nach draußen.

Im Park angekommen sahen sie sich um und grinsten beide schelmisch. Und wieder spielten sie ihr Spiel. "Die dort, am See.. Die beiden Jungs sind Zwillinge… Beide buhlen um das schicke Mädel. Und der arme Kerl im Wasser, versucht zu imponieren" meinte er und beobachtete die drei Jugendlichen. "Sie aber, spielt nur und keiner von den beiden Brüdern weiß, dass sie schon mit beiden ein Tächtelmächtel hatte" kicherte sie leise vor sich hin.

Der Mann ließ seinen Blick wieder schwenken und sah zu der Gruppe auf der Holzempore "Was meinst du, ist mit diesen beiden?". Sie folgte seinem Fingerzeig mit Blicken und musterte kurz die kleine Gruppe "Die Putze da, die ärgert sich schon die ganze Zeit, dass da irgendwelche Leute Krümel verstreuen und sie sauber machen muss. Sie zeigt es aber nicht, weil sie sonst gefeuert wird. Der Junge erzählt seinen starren und entsetzten Eltern gerade, dass er die Schule schmeißen und ins Ausland gehen wird. Zu seiner Internetbekanntschaft Shi-Wong, mit der er sich schon heimlich getroffen hatte, als sie hier zu Besuch war. Dabei ist ein Kind zustande gekommen, um das er sich kümmern muss" Sie lachte laut und glockenhell auf. Wieder eine Eigenschaft, in die er sich verliebt hatte.

"Und das Mädchen, das da mit seiner Tante sitzt, bewundert und beneidet dich um deine Schönheit und des Tages wegen. Denn du solltest eigentlich in diesem Moment wo anders sein" rief er ihr ins Gedächtnis und sie bedachte ihn mit einem warmen, zärtlichen Blick. Ein Nicken, war das einzige, das sie beide zum Aufbruch bewegte.
Und so fuhren sie zurück zur Kirche und ließen sich vermählen. Ende

Mona